Regeln für die Wahrheitssuche? Über epistemische (erkenntnisbezogene) Normen.

I. Ausgangspunkte:

1. Annahme: Wir wollen mit dem, was wir über uns und die Welt glauben und mit dem, wozu wir uns und andere auffordern, richtig liegen. Wir zielen auf Wahrheit und Richtigkeit ab.
(Alvin Goldman: „Veritism“)

2. Leitende Fragen: Was sind epistemische Normen, die den Weg zu diesem Ziel markieren? Wie hängen sie mit Wahrheit zusammen?

Intuitive Beispiele für epistemische Normen: – Bemühe Dich um Konsistenz Deiner Meinungen!- Berücksichtige alle Dir bekannten und relevanten Fakten! (Elliot Sober) – Folge in Deiner Überzeugungsbildung nicht ungeprüften Autoritäten! (Charles S. Peirce)

3. Wahrheit/Richtigkeit:
Wahr ist eine Überzeugung/Behauptung, Urteil, Aussage, wenn es sich so verhält, wie die Aussage es darstellt.
Richtig ist eine Aufforderung, wenn man sich so verhalten soll, wie es die Aufforderung verlangt.

II. Kritischer Teil:

4. Einwand (1): Die Suche nach epistemischen Normen entspringt einem epistemologischen Fundamentalismus.

Replik: Nein. Diese Normen müssen nicht den Status von Garantien für die Wahrheit haben, sie können auch nur Kontrollpunkte sein.

5. Einwand (2): Die Auffassung, Wahrheit sei ein orientierendes Ziel, mit dem man epistemischen Normen als Wegmarken gewinnen kann, entspringt einer irreführenden Abstraktion. Mit „ist wahr“ wird keine substanzielle Eigenschaft zugeschrieben, deren Vorliegen durch die Erfüllung von epistemischen Normen angezeigt wird.

Replik: Die Konsequenz ist ein epistemologischer Kommunitarismus: Wissen wird zu intersubjektiv geteilten Überzeugungen. Das, was zu Wissensansprüchen autorisiert, muss mit einstellungstranszendenten Wahrheitsbedingungen zusammenhängen. Epistemische Normen sollen das kraft ihrer Verbindung zu Wahrheiten leisten.

III. Konstruktiver Teil:

Es werden Merkmale (M) des Wahrheitsbegriffs identifiziert und ein Zusammenhang zwischen diesen Merkmalen und epistemischen Normen (EN) ermittelt.

6. M1: Die Wahrheitsbedingungen für eine Aussage von S oder für eine Überzeugung von S sind unabhängig von dem Autor S der Aussage oder dem Subjekt S der Überzeugung. (Autorindifferenz der Wahrheit)

7. EN1: Prüfe, ob die Gründe, mit der Du deine Überzeugung rechtfertigst, vereinbar sind mit der Erklärung dafür, dass Du diese Überzeugungen hast!

(Norm der Vereinbarkeit von rechtfertigenden mit erklärenden Gründen.)

8. M2: Wahr und falsch wird von etwas Sprachlichem ausgesagt: von einem Satz, einer Aussage, dem Gehalt einer Behauptung oder einer Überzeugung usw.
(Die Bezogenheit von Wahrheit auf sprachliche Subjekte: Sprachbezogenheit)

9. EN2: Prüfe Deine Meinung/Überzeugung darauf hin, ob Andere an Deine Stelle treten könnten, und zwar kraft Deiner rechtfertigenden Gründe!

(Norm der Ersetzbarkeit des Subjekts der Überzeugung.)

10. M3: Eine wahrheitsfähige sprachliche Entität (eine Aussage, eine Überzeugung/ein vorbehaltlos für wahr gehaltener Gedanke usw.) steht in inferentiellen Beziehungen zu anderen solchen Entitäten.

11. EN3: Bemühe Dich um eine inferentielle Dichte Deiner Überzeugungen, so dass Du Erfahrungen in einen erklärenden (=verständnisstiftenden) Zusammenhang bringen kannst.
(Norm der aufschlussreichen inferentiellen Dichte)