Gerhard Schweppenhäuser möchte das Reinheitsgebot der Kritischen Theorie bewahren und hält den jüngst verstorbenen Jürgen Habermas nicht für einen Vertreter dieser Theorie. Das mag so sein. Irreführend ist aber seine Behauptung, Habermas hätte es 1981 „mit sozialdemokratischer Unterstützung“ auf eine Philosophieprofessur in Frankfurt am Main geschafft. Auch schreibt Schweppenhäuser, dass Habermas als Starnberger Max-Planck-Direktor keine Professur in München bekommen habe. Beides zusammengenommen erweckt den falschen Eindruck, dass es bei Habermas 1981 ohne politische Hilfe nicht zu einer Professur gereicht hätte.
Habermas erhielt 1981 von der Universität Berkeley einen Ruf auf eine Professur. Das dortige philosophische Institut mit Donald Davidson, Hubert Dreyfus, Paul Grice, John Searle und Hans Sluga war zu dieser Zeit eines der besten Philosophie-Institute der westlichen Welt.[2] Auch die Universität Bielefeld bemühte sich darum, Habermas als Professor zu bekommen. In einer Berufungskommission für die Nachfolge von Friedrich Fulda war man sich einig, Habermas vorzuschlagen. Ich war seinerzeit studentisches Mitglied dieser Kommission. Habermas erhielt am 11. Januar 1982 den Ruf.[3]
Der damalige hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD) wusste von dieser Konkurrenz. Deshalb erklärte er öffentlich, er würde es begrüßen, wenn Habermas an die Goethe-Universität Frankfurt am Main zurückkehren würde.
In erfahrungsimmunen Orthodoxien, zu denen Schweppenhäuser gehört, nimmt man es mit den Fakten nicht immer so genau. Ideologisch wird diese Nachlässigkeit im vorliegenden Fall, wenn sie die These von Habermas als Staatsphilosophen kolportieren soll.
[1] Der Text erschien zuerst als ein Leserbrief unter dem redaktionellen Titel „Berkeley und Bielefeld“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 28. April 2026, S. 18. Darin nehme ich Bezug auf einen Aufsatz von Gerhard Schweppenhäuser in der FAZ vom 16.April 2026, S. 11: „Das Missverständnis. Jürgen Habermas war nicht Vollender, sondern der Abwickler der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer. Kann es eine gute Idee sein, sein Starnberger Haus in ein öffentlich finanziertes Denkmal umzuwidmen?“
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/habermas-haus-als-villa-massimo-was-dagegen-spricht-200734711.html
[2] Ich danke Hans Sluga (Berkeley) für detaillierte Auskünfte zu Berkeleys Angebot einer Professur an Habermas. Vgl. a. Stefan Müller-Doohm, Jürgen Habermas. Eine Biographie, Berlin 2012, S.276 f. -Im publizierten Leserbrief führte ich fälschlich Tyler Burge als Mitglied des Philosophie-Departments in Berkeley auf. Burge war zu dieser Zeit an der University of California, Los Angeles.
[3] Dank an Hans-Jürgen Puhle (Frankfurt am Main) für ergänzende Informationen zur Berufung von Habermas in Bielefeld. Hans-Jürgen Puhle war 1981 Dekan der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie an der Universität Bielefeld. Der Berufungsvorschlag der Universität Bielefeld ging im Dezember 1981 an das zuständige Ministerium in Düsseldorf.