Nachhaltige Gesellschaft oder Wie können wir in modernen Gesellschaften unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren?

Lutz Wingert

Nachhaltige Gesellschaft oder Wie können wir in modernen Gesellschaften unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren?[1]
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Eine der aktuellen Hundertausend-Franken-Fragen lautet: Wie können wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren? – Die Standard-Antwort darauf ist: Durch nachhaltiges Wirtschaften. Soll heißen: „Nimm nicht mehr an Ressourcen als nachwächst!“- „Fasse nicht das Kapital der Natur, sondern nur dessen Zinsen an!“[2]
Eine dieser Ressourcen ist eine Erdatmosphäre, die Treibhausgasse wie C02 oder Methan so absorbieren kann, dass unsere ökologische Nische einigermaßen intakt bleibt. Wir haben keinen Grund, optimistisch zu sein, dass diese Ressource nachhaltig behandelt wird. 2023 wurde ein neuer Rekord im Ausstoß der sogenannten Treibhausgase aufgestellt: nämlich 40,2 Milliarden Tonnen an CO2- -äquivalenten Emissionen, 2,1% mehr als 2022.[3] Allerdings ist das Bild unter einem Aspekt des Schutzes unserer natürlichen Lebensgrundlagen, unter dem Aspekt des Klimaschutzes verworren. In Europa ging nämlich 2023 der Verbrauch der primären fossilen Energieträger zurück: 16% weniger Kohle, 1% weniger Öl, 7% weniger Erdgas.[4] Umgekehrt gibt es in Ländern wie China, Indonesien oder Indien einen erhöhten Verbrauch. Indien hat 2023 mehr Kohle verbraucht als Europa sowie Mexiko, Kanada und die USA zusammen.[5] Auch wenn man vorsichtig sein muss bei unspezifischen Reden von Wohlstandssteigerung, darf man sagen: Ein Teil des fossilen Energiehungers in Ländern wie Indien und Indonesien hat eben auch zu einem ökonomischen Wachstum mit Wohlstandsgewinnen für Mittelschichten in ehedem ärmeren Ländern geführt.
Daraus lässt sich eine bekannte Lehre ziehen: Es gibt Schäden, deren Kehrseite ein Nutzen ist; Vorteile, die mit Nachteilen verbunden sind. Das Fragezeichen im Oberthema der Tagung

„Wohlstand ohne Wachstum?“ drückt ein Bewusstsein von einem derartigen Einerseits-Andererseits an; zum Beispiel Gewinn- und Verlustrechnungen in Hinsicht auf Klimaschutz einerseits und Wohlstand andererseits.

Im Bewusstsein solcher Ambivalenzen sollte Nachhaltigkeit abstrakter und damit umfassender verstanden werden als ein Gleichgewicht, und zwar als ein Gleichgewicht zwischen dem Gebrauch bzw. Verbrauch von Ressourcen einerseits und der Verfügbarkeit von Ressourcen andererseits. Denken Sie – zunächst ! – ruhig bei dem Wort „Ressourcen“ an den historischen Einführungskontext des Begriffs der Nachhaltigkeit: an das Holz der Wälder in der Forstwirtschaft. Die Nachhaltigkeitsmaxime: „Entnehme dem Wald nur so viel Holz, wie Bäume nachwachsen!“, zeigt den zeitlichen Index von Nachhaltigkeit an.
Eine weitere Eigenschaft des Gleichgewichts namens „Nachhaltigkeit“ wird erkennbar, wenn wir beachten, dass fossile Energieträger wie Öl, Gas, Kohle nicht nachwachsen; jedenfalls nicht in einem Zeitraum, der für uns und für sehr viele zukünftige Generationen zählen kann. Das legt einen Ersatz von Ressourcen nahe. Der politisch beförderte Wechsel von Verbrennermotoren zu Batterie getriebenen Motoren ist augenscheinlich ein Wechsel der Ressourcen. Salopp gesprochen: ein Wechsel weg vom Öl hin zum Lithium für Batterien. Verschiedene Ressourcen können funktional äquivalent sein. Das erlaubt die Ersetzbarkeit der einen Ressource durch die andere. Für das Verständnis von Nachhaltigkeit bedeuten diese simplen Beobachtungen: Nachhaltigkeit ist ein Gleichgewicht zwischen einem zeitlich indexierten Gebrauch/Verbrauch von Ressourcen einerseits und einer zeitlich indexierten Verfügbarkeit von funktional äquivalenten Ressourcen andererseits.

Bevor ich einige Pfade zu mehr nachhaltigem Wirtschaften skizzieren werden, möchte ich zunächst kurz angeben, warum Nachhaltigkeit überhaupt sein soll und warum wir uns mit nachhaltigem Wirtschaften offensichtlich nach wie vor sehr schwertun.
Warum soll Nachhaltigkeit sein? – Weil alle lebenden Menschen in der Hinsicht auf elementare Mittel zum Leben: Luft, Wasser, Elektrizität, Nahrung, Schutz vor Epidemien gleichermaßen zählen und weil auch zukünftige Generationen gleichermaßen zählen. Gewiss, wer jetzt noch nicht lebt, hat noch keine Rechte, denen Pflichten von anderen entsprechen. Aber unsere Handlungen jetzt haben ersichtlich Folgen übermorgen, wenn andere Menschen mit gewissen Rechten leben. Wir jetzt Lebenden haben jetzt Pflichten, solche Folgen zu vermeiden, die dann diese Rechte verletzen. Meine Kollegin Kerstin Meyer hat für dieses Argument die Analogie des Camping-Platzes gebraucht.[6] Wir wollen, dass wir den Camping-Platz so antreffen, dass wir bestimmte Dinge tun können. Bestimmte Dinge dürfen wir auf einem Camping-Platz tun. Unserem Dürfen korrespondiert die Pflicht früherer Nutzer, uns diesen Camping-Platz entsprechend zu hinterlassen. Die früheren Nutzer zählen nicht mehr als wir und wir zählen nicht mehr als spätere Nutzer. Setzen Sie unseren Planeten oder genauer: unsere ökologische Nische auf diesem Planeten für den Camping-Platz ein und setzen Sie für eine nicht-zerstörerische Nutzung des Camping-Platzes das nachhaltige Wirtschaften mit Ressourcen ein, dann ist klarer, warum Nachhaltigkeit sein soll. – Soweit die Theorie – Moraltheorie. In der Praxis sieht es allerdings anders aus. Damit bin ich bei der zweiten Frage: Warum tun wir uns mit dem nachhaltigen Wirtschaften im Umgang mit Ressourcen in Produktion, Veredelung und Konsum von Gütern, in der Lagerung, im Transport und Handel von Gütern so schwer?
Man könnte doch sagen: „Man soll so wirtschaften, weil man den Ast nicht absägen soll, auf dem man sitzt“? Doch der Vergleich mit dem Ast, auf dem man sitzt, führt in die Irre. Wenn man sich die Gründe für diese Irreführung vergegenwärtigt, versteht man, weshalb wir uns mit nachhaltigem Wirtschaften so schwertun. Warum nun ist der Vergleich mit dem Ast, an dem wir sitzend sägen, schief? – Weil diejenigen, die einen irreversibel verschleißenden Gebrauch von Ressourcen machen, oft nicht identisch sind mit denjenigen, die von den Folgen dieses Verschleißes massiv betroffen sind.
Indonesische Gemüsebäuerinnen auf ihren überfluteten Inseln sind jetzt vom Klimawandel und den dadurch mit verursachten Versalzungen ihrer Anbauflächen betroffen, nicht aber der vierzigjährige Investmentbanker mit Wohnsitz an der Zürcher Goldküste. 75 Jahre alte Senioren in Sozialbauten der Pariser Banlieue ohne Klimaanlage und ohne engmaschiges ambulantes Versorgungsnetz sind von den häufigen Hitzewellen jetzt betroffen, nicht aber die Mitglieder der indischen Upperclass, die während der immer heftigeren Hitzemonate in ihre High-Tech Chalets im Himalaya ausweichen. Die einen können sich mehr schützen als die anderen; sie haben – um im Bild zu bleiben – ein gewisses Auffangnetz, wenn der Ast brechen sollte.

Auch sind die Betroffenheiten nicht nur in geografischer und sozialer Hinsicht, sondern auch in zeitlicher Hinsicht verschieden stark. Hand aufs Herz: Wen von uns kümmert es, ob es im Jahre 2200 unser Planet 7° Celsius wärmer ist als im 19. Jahrhundert mit all seinen Folgen für Mensch und Tier, wärmer zu einer Zeit also, wenn wir und alle unsere vorstellbaren Angehörigen längst tot sind? Auch ist uns allen geläufig, dass wir Zeitgenossen die eigenen Betroffenheiten auf der Zeitachse oft so gewichten, dass das zeitlich Bevorstehende uns stärker beschäftigt als das ferner Liegende.

Ein Letztes: Es ist ja nicht so, dass wir jetzt keinen Nutzen davontrügen von dem Schematismus eines Wirtschaftens, das unsere natürlichen Lebensgrundlagen angreift. Das Bild vom Ast, auf dem wir sitzen und an dem wir sägen, ist auch hier irreführend. Anders als es nahelegt, schädigen wir nicht vorsätzlich oder mutwillig unsere ökologische Nische; und sofern wir sie schädigen, tragen wir auch einen Nutzen davon.
Um die Antwort auf die zweite Frage zu resümieren, warum wir Menschen uns mit Nachhaltigkeit schwertun: Nachhaltiges Wirtschaften ist auch deshalb schwierig, weil das Eigeninteresse wegen unterschiedlicher Betroffenheiten von fehlender Nachhaltigkeit unterschiedlich stark beeinträchtigt wird.
Hinzukommen zwei weitere Faktoren: ein mentaler und ein sozialstruktureller Faktor. Wir Menschen haben in einem historisch nie dagewesenen Maß die Herrschaft über die Natur gewonnen und noch kaum die Erfahrung gemacht, dass die Natur etwas anderes ist als ein riesiges Rohstofflager. „Die Natur hilft sich selbst“ signalisiert nicht einfach nur Ignoranz und Ausflucht ebenso wenig wie das technikoptimistische „Come what may there is always a way!“. Beide Aussagen drücken erfahrungsgesättigte Einstellungen aus. Das ist ein mentaler oder einstellungsbezogener Faktor für Schwierigkeiten in Sachen Nachhaltigkeit.

Ein weiterer Faktor sind nicht zugerechnete, negative Folgen von Handlungen. Viele naturzerstörerischen Effekte menschlichen Tuns sind aggregierte negative Externalitäten. Nicht die Einleitungen von Stickstoff und Phosphor durch einzelne Bauern stören das dynamische Gleichgewicht zwischen dem Aufbau und Abbau von Phytoplankton in Gewässern, Seen und Meeren. Dieses Gleichgewicht ist funktional für die Artenvielfalt und damit für die Widerständigkeit eines ökologischen Systems gegenüber veränderten Umweltbedingungen. Es wird gestört durch die Aggregateffekte einer weit verbreiteten Intensivlandwirtschaft. Noch aber sind auf der Habenseite dieser Intensiv-Landwirtschaft erhöhte Erträge zu verbuchen, so dass beabsichtigte positive Wirkungen von Handlungen deren negativen Nebenwirkungen gegenüberstehen. Diese Nebenwirkungen sind sogenannte negative Externalitäten, d.h. schlechte, nachteilige Nebenfolgen von Handlungen für Dritte, ohne dass sie im Interesse der Dritten sanktioniert werden.
Negative Externalitäten werden nicht sanktioniert. Ihre Sanktionsfreiheit hat einen Grund darin, dass wir den Menschen Verantwortung primär für solche Handlungsfolgen zuschreiben, die die Menschen kontrollieren können. Die Zerstörung der Fähigkeit unserer Erdatmosphäre, Treibhausgase im ausreichenden Maß zu absorbieren, ist ein aggregativer Effekt von milliardenfachen Handlungen des Produzierens, Schürfens, Konsumierens, Transportierens, Lagerns usw. Solche negativen Aggregateffekte entziehen sich einer Zuschreibung von Verantwortung. Denn der Beitrag einer einzelnen Person für negative Aggregateffekte ist kausal vernachlässigbar, weil er weder hinreichend noch notwendig für das Eintreten dieses negativen Effekts ist. Das trifft zwar nicht auf das Handeln vieler einzelner Personen zusammengenommen zu. Aber diese Personen bilden anscheinend keinen kollektiven Akteur, dem etwas angelastet werden kann. Zumindest für Personen, die Marktteilnehmer sind und miteinander Verträge abschließen, gilt das sehr oft.

Die Kehrseite der negativen Externalitäten, wie es Schäden unserer ökologischen Nische sind, ist eine Praktik der Zuschreibung von Verantwortung für Handlungsfolgen gemäß dem Prinzip: Eine Person ist verantwortlich für die Folgen ihres Tuns, wenn sie ihr Tun kontrollieren kann und wenn sie wissen kann, dass ihr Tun hinreichend oder notwendig dafür ist, dass etwas Negatives folgt. Eine Studentin von mir brachte den mit diesem Prinzip verbundenen Sachverhalt prägnant in einer Seminardiskussion auf den Punkt: „Nur weil ich auf die Malediven fliege, saufen die Fidschi-Inseln nicht ab!“ Die Studentin ist nicht durch ihr Tun für die Überflutung dieser Inseln verantwortlich.
Das genannte Prinzip für Verantwortlichkeiten ist weder unsinnig noch ist es ein abgehobener Gedanke von Philosophen. Denn es steuert viele soziale Praktiken gerade auch unseres Wirtschaftens. Deshalb ist die negative Externalisierung, also das Inkaufnehmen von negativen Nebenfolgen nicht nur ein psychologisch beschreibbarer Habitus von uns Menschen. Es handelt sich bei ihm auch um ein privatrechtlich geschütztes, wirksames Organisationsprinzip unseres Wirtschaftens. Die Befolgung dieses Prinzips begrenzter Verantwortlichkeiten führt zu einer sozialen Struktur, also zu einer Ordnung von Elementen mit dem Effekt möglicher wiederkehrender Geschehnisabfolgen in sozialen Interaktionen. Das ist ein soziostruktureller kausaler Faktor für fehlende Nachhaltigkeit. Dieser Faktor befördert negative Externalitäten unseres Wirtschaftens. In der Konsequenz dieser negativen und nicht geahndeten Nebenfolgen erhält die Natur den Status einer Müllhalde. Die Natur hat nicht nur den Status eines Rohstofflagers, sondern auch den einer Mülldeponie.

Bis jetzt habe ich nur ein wenig erläutert, erstens was wir unter Nachhaltigkeit verstehen sollten, zweitens warum ein nachhaltiges Wirtschaften geboten ist und drittens, warum wir uns mit der Nachhaltigkeit schwertun. Jetzt will ich einige argumentative Schritten hin zu abhelfenden Maßnahmen gehen. Diese Maßnahmen („policies“) sollen dazu beitragen, die Schädigung unserer ökologischen Nische so einzugrenzen, dass wir die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten.
Nachhaltigkeit, so hatte ich gesagt, ist ein Gleichgewicht zwischen dem zeitlich indexierten Gebrauch und der zeitlich indexierten Verfügbarkeit funktional äquivalenter Ressourcen. Eine verfügbare und funktional äquivalente Ressource kann als Ersatz dienen und gegebenenfalls das Gleichgewicht bewahren oder stabilisieren.[7] In der sogenannte Bioökonomie wird dieser Ersatz umfassend verstanden. Beton und Stahl als Baustoffe werden zum Beispiel teilweise ersetzt durch agrarisch nachwachsende Stoffe wie Bambus und Pappelholz, das eine sehr viel kürzere Wachstumszeit als Nadelholz hat. Bestimmte Grassorten werden als Schuttdämmstoffe eingesetzt. Ebenso werden natürliche biochemische Prozesse als Ersatz für bestimmte Verfahren und Produkte verwendet: Ein Bakterium (Cupriavidus necator) konsumiert Fette und unter Einsatz von Kohlenstoff sowie von begrenztem Phosphor oder Stickstoff baut das Bakterium viel Kohlenstoff um zu Polymeren wie Polyhydroxybutyrat, zu deutsch: Das Bakterium macht aus Fetten der Kanalisation Plastik, das kompostierbar ist. Eng verwandt mit einer bioökonomischen Produktion ist die sogenannte Kreislaufwirtschaft. Denn auch sie vermeidet im hohen Maß negative Externalitäten in Form von Schädigung unserer ökologischen Nische.

Der Kreislauf von Produktion, Konsum und erneuter Produktion beschränkt sich dabei bekanntlich nicht auf das Recycling einzelner Wertstoffe, also letztlich auf getrennte Müllsammlung und punktuelle Wiederverwertung. Der Kreislauf erstreckt sich potenziell auf die gesamte Produktion von Gütern – seien es die Komponenten von Baumaschinen wie Getriebe, Bremsen und Hydraulik, seien es die seltenen Erden wie Kobalt in Smartphones, seien es Lacke oder Stahl. Es ist das bekannte Prinzip des „cradle-to-cradle“, „von der Wiege zur Wiege“, das technische Kreisläufe und biologische Kreisläufe kombiniert. In technischen

Kreisläufen werden Komponenten demontiert und als technische Nährstoffe wieder zur Grundlage der Produktion eingesetzt. In biologischen Kreisläufen hingegen werden ausrangierte Produkte biologisch zersetzt und via Biomasse zu biologischen Nährstoffen. Die Produktion kompostierbaren Polstermaterials ohne die üblichen gesundheitsschädlichen Stoffabfälle und Gewässerbelastung ist hier ein Beispiel. Das alles ist nicht bloße Theorie, sondern wird praktiziert. Es gibt Firmen, die das tun. Es gibt zum Teil das Wissen, wie das Gleichgewicht namens Nachhaltigkeit durch Substitution von Ressourcen befördert werden kann. Wissen ist aber nicht alles. Man muss auch das Wissen umsetzen wollen. Neben Kognition zählt auch Motivation.

Für Wirtschaftsunternehmen muss sich nämlich eine Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft rechnen. Ein Bestandteil für die Implementation einer Kreislaufwirtschaft ist deshalb die Erhöhung von Kosten für diejenigen Unternehmen, die keine Kreisläufe in ihrem Produktionsprozess haben. Das können Kosten sein, die in Rücknahme- und Lagerungspflichten bestehen. Das hat einen Vorteil gegenüber moralischen Appellen. Kosten berühren Eigeninteressen. Die Sprache der Kosten und des Nutzens ist diejenige Sprache, die von allen Marktteilnehmern verstanden wird. Über Kosten können motivationswirksam zuvor externalisierte Schäden internalisiert werden und so auch via Antizipation vermieden werden. Dieses Vorgehen bewegt sich nicht nur auf betriebswirtschaftlicher Ebene. Zu ihm gehört auch die Errichtung von ökologischen Schranken für den Marktzutritt. China flutet auf Grund seiner systemisch bedingten Überproduktion auch die europäischen Märkte mit vielerlei Produkten in der Chemie oder Stahlindustrie, die alles andere als grün hergestellt werden. Die C02 -Steuer der EU für Importe ist ein zaghafter Schritt in Richtung ökologischer Protektionismus.

Es kann aber auch Kostensenkungen für die ökologischen Musterknaben geben.[8] Im großen Maßstab würde das zum Beispiel bedeuten, dass man Staaten für die Unterlassung von Handlungen mit negativen Externalitäten Ausgleichszahlungen gibt. Ein Beispiel:

Es gibt im Osten von Ecuador ein großes Erdölvorkommen (850 Millionen Barrel Öl). Dieses riesige Erdölfeld liegt unterhalb des Yasuni-Regenwaldes. Dieser Regenwald ist eine biologische Senke, absorbiert also klimaschädliche Emissionen wie Kohlendioxid (CO2) Wenn das Erdöl gefördert werden würde, hätte diese Förderung einen doppelten negativen Effekt auf das Klima unseres Planeten. Es würde zusätzliche Emissionen geben, und es würde die Absorption von vorhandenen Emissionen massiv verringert werden.
Um diese negativen Effekte zu vermeiden, müsste Ecuador auf die Abholzung des Regenwaldes und die Erschließung des Erdölfeldes verzichten. Die Zumutung eines Verzichts ist groß, weil Ecuador arm ist. Diese Zumutung ist moralisch nicht gerade leicht zu begründen. Warum soll sich ein armes Land zum selbstlosen Anwalt des Klimaschutzes machen, wenn es andere, reichere Länder auch nicht tun? (Man denke nur an die Proteste von Bauern im Kanton Zürich gegen das Wassergesetz 2022. Zum Zwecke des Gewässerschutzes sollte der Abstand zwischen Gewässern und dem nutzbaren Boden um einige Meter zu vergrößert werden.[9]) Ecuador müsste der Verzicht durch eine Kompensation der Einnahmeverluste aus dem Ölverkauf nahegebracht werden. Das Land würde dann zum gut bezahlten Kurator eines Ökosystems mit global wichtiger Dienstleistung werden. – Man hat übrigens versucht, Ecuador für die Unterlassung der negativen Externalität zu bezahlen, die mit der Abholzung und der Erdölförderung verbunden wäre. Dafür wurde zur Kompensation ein Treuhandfonds der UN geschaffen, in den andere Länder einzahlen sollten (die sogenannte „Yasuni-ITT-Initiative“). Aber die Einzahlungen erfolgten nicht im erforderlichen Maß von 3,6 Milliarden US-Dollar. Mittlerweile wird das Ölfeld stellenweise erschlossen.

Bislang habe ich drei Typen von Maßnahmen skizziert, die auf ein nachhaltiges Wirtschaften abzielen: Erstens Ersatz, zweitens Internalisierung von Schäden durch Kosten, drittens Prämierung bzw. Kompensation für die Unterlassung von Handlungen mit negativen Externalitäten. Für die Strategie eines unvollständigen Ressourcenersatzes steht die Bioökonomie und die Kreislaufwirtschaft (aber natürlich auch der ganze Bereich erneuerbarer Energien). Für die Strategie der Internalisierung von Schäden durch Kosten stehen beispielhaft Rücknahme, Lagerungs- und Reparaturpflichten bei Gütern und deren Reste, die nicht dem Kreislauf zugeführt werden. (Wie sehr das für den Bereich der Chemieindustrie außerhalb der Farben- und Lackproduktion machbar ist, weiß ich nicht.) Für die Maßnahme der Kompensation einer kostspieligen Unterlassung von negativen Externalitäten wurde das Beispiel des Erdölfeldes im Osten von Ecuador angeführt.

Ein vierter Typus von Maßnahmen mit dem Ziel der Nachhaltigkeit lässt sich auch an dem Ecuador-Fall illustrieren. Dieser vierte Typus ist anders als die anderen Maßnahmen oder „Policy“-Typen bislang nur eine Idee und vages Programm. Ich meine die Idee, bestimmten Bereichen der Natur den rechtlichen Status von planetarischen Gemeinschaftsgütern zu geben, die keinem einzelnen souveränen Staat oder gar privaten Eigentümern gehören. Das ist bislang bei den Meeren außerhalb der 200 Meilen Zonen der Fall oder auch bei der Antarktis oder dem Weltraum. (Ich sollte besser sagen: Bislang ist das noch der Fall.) Planetarische Gemeinschaftsgüter wären demnach zum Beispiel der Grönländische Eisschild, tropische Regenwälder, ozeanische Meeresströmungen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Funktionen für unsere ökologische Nische haben, deren Nicht-Erfüllung unsere natürlichen Lebensgrundlagen bedrohen. Im Falle der Abholzung der Regenwälder bestünden die negativen Folgen des Funktionsausfalls dieser Ökosysteme unter anderem in der ausfallenden CO2-Absorption, in der Störung von Frischwasser-Zirkulation und in der Begünstigung von Zoonosen mit dem Risiko von Pandemien.[10] (Wie es beim Covid-19-Virus um den Oktober 2019 ff. vielleicht der Fall war.)

Bei diesem Typus von Maßnahme wird nicht versucht, das Gleichgewicht namens Nachhaltigkeit zwischen dem Gebrauch und der Verfügbarkeit von Ressourcen dadurch zu halten, dass man die Verfügbarkeit durch Ressourcenersatz oder preis-vermittelte Ressourcenschonung steigert. Vielmehr versucht man die dauerhafte Verfügbarkeit von naturgebundenen Mitteln durch eine Ressourcenschonung zu erreichen, die die Quellen der Ressourcen – eben die Ökosysteme mit Dienstleistungen unverfügbar macht; und zwar unverfügbar macht durch soziale Grenzen in Form von Rechtsgesetzen.

Der gleiche Gedanke ist am Werk, wenn man einer Lagune, wie in Spanien geschehen, Rechte zugesteht, denen menschliche Pflichten der Schonung entsprechen. Auch der Gedanke, dass nicht nur Tiere, sondern auch nicht-bewusste Teile der Natur sogar Eigentumsrechte haben, gehört hier her. Sie werden das vielleicht als schlechte Utopie abtun, wie andere vielleicht den Vorschlag riesiger Sonnensegel als schlechte Zukunftsmusik abtun werden. Ich will dieses Bedenken an dieser Stelle nicht weiter erörtern. Allerdings möchte ich auf ein schwächeres Bedenken gegen die Strategie eingehen, Nachhaltigkeit über rechtlich gezogene Grenzen des Zugriffs auf die Natur zu erreichen. Das Bedenken hat wieder mit Motivation zu tun

In einer Demokratie müssen Rechtsregeln letztlich von denjenigen akzeptiert werden, die unter diesen Regeln dauerhaft und mit bestimmten Rechten leben. Demokratie ist die rechtsförmige Regierung über das Volk für das Volk durch das Volk. Der Rechtsgehorsam in einer Demokratie zehrt letztlich von einem Mehrheitswillen, der rechtlich so erzeugt wird, dass Minderheiten die rechtliche Chance auf eine Mehrheit haben. Der Rechtsgehorsam von Bürgern in einem demokratischen Rechtsstaat ist zwar keine Ressource wie es eine fruchtbare Ackerkrume oder Energieträger wie Öl, Wind und Wasser sind. Aber sie hat mit natürlichen Handlungsmitteln eines gemeinsam: Sie ist begrenzt oder begrenzt zugänglich. Wenn eine demokratische Gesellschaft nachhaltig sein will, dann muss sie auch diese Begrenzung beachten. (Warum undemokratische Gesellschaften bzw. eine Ökodiktatur keine Alternative zur Demokratie ist, können wir in der Diskussion besprechen, wenn es Bedarf geben sollte.)

Damit kompliziert sich die Frage, wie wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen können, auf lehrreiche Weise. Ist man um Nachhaltigkeit bestrebt, beachtet man ja generell Folgeprobleme von Lösungen und trade-offs. Seltene Erden wie Lithium mögen zu einer Lösung des Problems beitragen, wie eine Mobilität mit weniger Emissionen möglich wird. Doch die Lithiumförderung ist mit einem Bergbau verbunden, dessen ökologische Folgen ungewiss sind. Das gilt auch für den Abbau von lithiumhaltigen Manganknollen in der Tiefsee. Was in der einen Dimension das Gleichgewicht fördert, kann es in einer anderen Dimension stören.

Eine Politik der Nachhaltigkeit mag nun in der Dimension des angezielten Gleichgewichts zwischen Gebrauch und Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen förderlich sein. Sie kann aber einem anders gearteten und ökologisch wichtigen Gleichgewicht abträglich sein: nämlich dem Gleichgewicht zwischen zugemuteten Verhaltensänderungen einerseits und der Akzeptanz oder Folgebereitschaft andererseits.[11] Diese Akzeptanz von Bürgerinnen ist aber nötig, um Verhaltensänderungen zu realisieren und die Kosten der Überwachung für Regelkonformität nicht ins Uferlose steigen zu lassen; von individuellen Freiheitsrechten ganz zu schweigen. Die Akzeptanz politischer Reglungen, auch ökologischer Regelungen, kann in einer Demokratie nicht sonderlich exklusiv sein, weil alle Bürgerinnen gleichermaßen zählen.

Deshalb ist eine grüne Verkehrspolitik, die wie im deutschen Berlin nur auf das urbane Zentrum mit Fahrrad- und Busspuren setzt, nicht wirklich nachhaltig. Denn sie begegnet den Interessen des Malermeisters mit hochnäsiger Geringschätzung, der an der Peripherie ansässig ist und seine Leitern und Farbeimer nicht per Lastenfahrrad zum grün gesonnenen Kunden nach Berlin Mitte transportieren kann Diese Nachhaltigkeitspolitik stört so eine soziale Balance, die für ein politisch ermöglichtes, nachhaltiges Wirtschaften nötig ist. Auch die angeblich ökologisch motivierte Zusatzsteuer des französischen Präsidenten Emmanuel Macron auf Diesel zeugte von einer Ignoranz gepaart mit Verachtung für arme Bewohner ländlicher Regionen. Diese Leute müssen nämlich mangels öffentlicher Verkehrsverbindungen mit ihrem alten Dieselauto von Supermarkt zu Supermarkt fahren, um die allerbilligsten Sonderangebote zu ergattern und so über die Runden zu kommen.

Es strapaziert aber die Folgebereitschaft von Bürgern hinsichtlich einer Politik der Nachhaltigkeit, wenn zum Beispiel Schweizer Bauern höchste Ökostandards abverlangt werden und gleichzeitig mit der Ratifikation des Mercosur-Abkommens in Bundesbern Tausende Tonnen Rindfleisch aus Brasilien und Argentinien zusätzlich auf den europäischen und auch auf den schweizerischen Markt geworfen werden, die unter mehr als ökologisch zweifelhaften Bedingungen erzeugt werden.
Die Lehre daraus ist nicht bloß, dass nachhaltiges Wirtschaften unter fairen Umständen erfolgen muss. Es geht genereller darum, verschiedene Arten von Gleichgewichten in einer Balance zu halten, darunter eben auch das Gleichgewicht zwischen zugemuteten Verhaltensänderungen und Folgebereitschaft. Man muss Folgeprobleme von Lösungen beachten. Das bedeutet zweierlei: Erstens: Man darf nicht in einer Hinsicht, zum Beispiel in ökologischer Hinsicht maximieren und die „Lütt“ dabei überfordern. Zweitens: Man muss finanzielle und mentale Ressourcen vor dem Zusammentreffen verschiedenartigster Krisen schützen. Man stelle sich vor, der Zusammenbruch der Crédit Suisse im März 2023 wäre Dank Intervention des Steuerzahlerstaates nicht so glimpflich abgelaufen. Grüne Themen wären dann auch in Zürich und nicht nur in Obwalden out gewesen. Nachhaltiges Wirtschaften ist aussichtsreicher, wenn die zugehörige Politik versucht, andere Krisen unwahrscheinlicher zu machen. Ob wir für all das noch die nötige Zeit haben, ist mehr als offen.
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(24.10.2024)

[1] Vortrag gehalten am 24.Oktober 2024 im Rahmen der Engelberger Dialoge/Schweiz 24. und 25.Oktober 2024 mit dem Thema „Wohlstand ohne Wachstum?“ Der Obertitel war vorgegeben.

[2] Beide Zitate sind dem Buch von Jan Grossarth entnommen: Bioökonomie und Zirkulärwirtschaft im Bauwesen. Eine Einführung, Wiesbaden: Springer Vieweg 2024, S. 188 (für das erste Zitat), S. 208 für das zweite Zitat.

[3] Energy Institute, Statistical Review of World Energy, 73th ed. 2024, S. 4.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Kirsten Meyer, Was schulden wir künftigen Generationen? Herausforderung Zukunftsethik?, Stuttgart: Reclam 2018.

[7] Die Ausführungen zur Bioökonomie sind dem Buch von Jan Grossarth entnommen: Bioökonomie und Zirkulärwirtschaft im Bauwesen, a.a.O. S. 107f; 112 ff.

[8] Indem z.B. die wiederzuverwertenden Produkte an die Konsumenten nur vermietet werden, also im Besitz der produzierenden Firma bleiben und auch mit der Wartung Geld gemacht wird. Eine steuerliche Begünstigung von zertifizierten Produkten dieser Kreislaufwirtschaft ist ein anderes Instrument.

[9] Vgl. Neue Zürcher Zeitung vom 4.Oktober 2022, S. 14: Wassergesetz bleibt unter Bauern hochumstritten.

[10] Vgl. Johan Rockström u.a., The planetary commons: A new paradigm for safeguarding Earth-regulating systems in the Antropocene, in: PSNA 121 (no. 5, January 22, 2024), S. 8. (PSNA = Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.)

https://doi.org/10.1073/pnas.2301531121

[11] Diese Überlegungen sind auch angeregt von Uwe Schimank, Die drei Integrationsprobleme moderner Gesellschaften, in: Merkur Nr. 890 (Juli 2023), S. 5-15. Ich verdanke den Hinweis auf Schimanks Aufsatz Jens Beckert, vgl. seinen Aufsatz: „Das Scheitern am Klimaschutz“, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.Juli 2024, S. 11.