Lutz Wingert
Störungen – Was sind sie? Wie sollen wir sie bewerten? Was können sie lehren?[1]
Meistens sind sie lästig, oft ärgerlich, manchmal verstörend. Auch geben sie mitunter zu denken oder wachsen sich aus: Störungen. Der dröhnende Presslufthammer unter dem Bürofenster ist eine lästige Störung der Konzentration. Die Durchsage „Störung im Betriebsablauf“ der SBB lässt Ärger aufkeimen. Die diagnostizierten Herzrhythmusstörungen verstören oder geben einem zu denken. Und die Störungen von ökologischen Systemen wachsen sich zunehmend aus und drohen umzukippen in eine Zerstörung unserer ökologischen Nische.
Störungen sind Abweichungen von normalen Zuständen, Prozessen, Praktiken, Haltungen, die der Erfüllung von Funktionen und Maßstäben dienen oder die als Erfüllung von Funktionen und Maßstäben gelten. „Herzflimmern“ klingt vielleicht für lyrische Naturen romantisch, meint aber buchstäblich so etwas Ernstes wie Herzrhythmusstörungen. Beim Kammerflimmern weicht die Herzkammererregung von der normalen Grundfrequenz ab. Das behindert oder blockiert sogar eine wirksame Füllung und Entleerung der Herzkammern, stört also die Funktion des Herzens, Blut zu pumpen. Ähnlich stört der übermäßige Zufluss von Phosphor oder Stickstoff aus der Intensivlandwirtschaft in Gewässer und Meere das dynamische Gleichgewicht zwischen dem Aufbau und Abbau von Phytoplankton. Dieses Gleichgewicht ist funktional für die Artenvielfalt und damit für die Widerständigkeit eines ökologischen Systems gegenüber veränderten Umweltbedingungen. (Unter anderem senkt die Algenblüte den Sauerstoffgehalt in tieferen Wasserschichten, was Fischeier absterben, Kleinstlebewesen wie Würmer und Krebse ersticken und andere Tiere fliehen lässt.)[2]
Störungen unterscheiden sich von Zerstörungen dadurch, dass sie behoben werden können. Nicht nur bei der SBB. Auch Algenteppiche können – bis zu einen gewissen Grad – abgebaut werden, und mit einem Defibrillator kann die Ärztin das Kammerflimmern beheben. Manche Störungen können auch vorhergesehen und so verhindert werden. Straßensperren und Bannmeilen um Amtssitze halten störende Demonstranten von den Zentren der Macht ab. Ebenso vermag man Störungen zu neutralisieren.
Presslufthämmer können Menschen beim Rechnen stören, Sensoren können den Algorithmus eines Autopiloten beim Berechnen der Flugbahn eines Flugzeuges stören, da sie in ihrer Verlässlichkeit durch Extremtemperaturen oder Vibrationen gemindert werden. Und ähnlich wie jemand eine robuste Konzentrationsfähigkeit hat, kann ein Algorithmus robust gegen auftretende Störungen sein und diese neutralisieren.[3] Eine solche Robustheit ist übrigens auch eine wesentliche Eigenschaft von jemandem, der über eine Sache Bescheid weiß. Er oder sie lässt sich nicht von Umständen irritieren, die nichts an der Wahrheit seiner oder ihrer Meinung über die Sache ändern. Wissen ist ein störungsfestes Überzeugtsein von dem, was wahr ist, oder von dem, was getan werden sollte oder gar getan werden muss.
Wenn Störungen von uns registriert werden, dann erfahren wir sie als Abweichungen von Erwartungen. Nicht selten erleben wir die erfahrene Abweichung als Verunsicherung oder Erschütterung einer Erwartung. – Sind Störungen deshalb als etwas Schlechtes zu bewerten? Nein, nicht zwingend. Die bildende Kunst jenseits des religiösen Kults und höfischer Inszenierungen von Historien und Autoritäten zielt ja mitunter kunstvoll auf die Störung von Stereotypen, die unsere Wahrnehmung der Welt leiten und die unsere Erwartungen begründen, was sich den Sinnen zeigen wird. Wenn sie subtil genug ist, macht sie diese Stereotypen bewusst und lädt zu anderen Wahrnehmungsweisen ein. Störungen können auch die angenommenen Funktionen und die geltenden Maßstäbe anfechten, die den Erwartungen zu Grunde liegen.
Das tun zum Beispiel Demonstranten, die zivilen Ungehorsam üben, indem sie sich auf der Straße querstellen und über ein Demonstrationsverbot gewaltfrei hinwegsetzen. Sie enttäuschen die prognostische Erwartung der Autofahrer, dass sie um diese Uhrzeit zügig durch die Innenstadt kommen werden. Und sie erschüttern die normative Erwartung der politischen Autoritäten, dass die Bürgerinnen stillhalten sollen. Die Demonstranten fechten begrenzt das maßstabsbildende Gebot des Rechtsgehorsams an. Sie tun das vermeintlich oder zu Recht im Namen von gewichtigeren Maßstäben der Rechtsgemeinschaft wie zum Beispiel einer gerechteren Verteilung des gemeinsam erwirtschafteten Wohlstandes. „Ill fares the land, to hastening ills a prey/Where wealth accumulates, and men decay“ heißt es protestierend bei dem irischen Dichter Oliver Goldsmith. [4]
Wie man Störungen bewerten soll, hängt davon, ob und wie sehr die enttäuschten Erwartungen berechtigt sind. Das wiederum hängt auch davon ab, was man von den zu Grunde liegenden Funktionen und Maßstäben halten soll. Herzrhythmusstörungen sind ein Übel, weil man nicht wirklich wollen kann, dass das eigene Herz nicht tut, was es tun soll. Gewiss, man kann ein Übel in Kauf nehmen, aber deshalb hört es nicht auf, ein Übel zu sein. Demgegenüber mögen Störungen des Verkehrs durch Demonstranten eine Petitesse sein. Doch ein Rechtsungehorsam in einem demokratischen Rechtsstaat ist es nicht. So entscheidet sich die Bewertung der Störung hier daran, ob der zivile Ungehorsam einen sehr wichtigen Beitrag zu dem liefert, was gut für die Bürgerschaft ist. Im Vergleich dazu scheint es keinen Zweifel zu geben, wie die Störungen eines Ökosystems bewertet werden sollen. Wer spricht sich heute noch gegen Öko aus? Selbst gegen Artenvielfalt hat kaum jemand noch etwas, solange es bei Rhetorik bleibt. Doch das schließt einen Dissens in der Bewertung nicht aus, nämlich zum Beispiel, ob die Beeinträchtigung der Artenvielfalt durch die Störung eines Ökosystems schlecht ist, weil die Erfüllung einer Funktion dieser Vielfalt gestört ist, nämlich uns Menschen zu nützen; oder ob sie schlecht ist, weil die Vielfalt der Arten einen Eigenwert hat.
Aus Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung von Störungen folgt jedoch nicht, dass es keine objektive, richtige Bewertung geben kann. Die Existenz von Störungen in Gestalt des Einspruches und des Unwillens anderer oder in Gestalt eines Widerstandes der Natur hält hier eine Lehre bereit. Erwartungen von uns darüber, was der Fall ist oder sein soll, sind das eine. Was objektiv der Fall ist oder sein soll, ist das andere. Die Erschütterung von Erwartungen durch Störungen lehrt uns bisweilen schmerzlich, diesen Unterschied zu beachten. Im Wissen um diesen Unterschied experimentiert man in den empirischen Wissenschaften und diskutiert man in der Demokratie. Man setzt die eigenen Erwartungen dem Test einer Realität aus, die stören kann.
Dogmatiker tun das nicht. Sie neutralisieren Störungen tendenziell um den Preis der Realitätsverweigerung. Wer zu Recht Wissen über die Erfahrungswelt beansprucht, verhält sich anders. Er oder sie rechnet damit, dass Störungen nicht bloß vernachlässigbare Irritationen sind, sondern dass sie einen eigenen Irrtum über die Realität anzeigen. Denn in Störungen zeigen sich uns Realitäten, seien es naturhafte oder soziale Realitäten, als etwas Unverfügbares. Wer glaubt, Störungen komplett ausschalten zu können, der glaubt, die Realitäten zu einer Knetmasse in unseren Händen machen zu können. Dieser Glaube ist nicht störend, sondern zerstörerisch.
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English version:
A disruption[LW1] is mostly irritating or annoying, though it can sometimes be unsettling. It makes you stop and think[LW2] . And it may also grow into something bigger. For example, a pneumatic drill hammering beneath the office window might disrupt your concentration. Or the announcement of a disruption to rail services might make you feel angry. Being diagnosed with cardiac arrhythmia is disquieting and stops you in your tracks. And, on a larger scale, the growing disruption to the world’s ecological systems now threatens to destroy our own ecological niche.
A disruption is a deviation from a normal state, process, practice or attitude that serves to fulfil certain functions or norms – or that is considered to fulfil such functions and norms. Heart murmurs may sound romantic to those of a poetic nature, but the term actually refers to cardiac arrhythmia, a serious condition also known as ventricular fibrillation. This is when the electrical excitation of the ventricles of the heart deviates from the normal frequency. This hinders or even prevents the chambers of the heart from filling and emptying effectively, thus disrupting the heart’s proper functioning, namely to pump blood. Similarly, an excessive inflow of phosphorus or nitrogen into waters and oceans, e.g. caused by intensive farming, disrupts the dynamic balance between the formation and breakdown of phytoplankton. This equilibrium is vital for the functioning of biodiversity and thus for an ecological system’s resilience to changing environmental conditions. (For example, algal bloom reduces water oxygenation levels at greater depths. This kills fish eggs, asphyxiates small organisms such as worms and crustaceans, and drives away other forms of aquatic life.)1
Disruption, which is not the same as destruction, can be remedied. And not only by a rail operator[LW3] . Algal bloom can be broken down, to a certain degree, and a doctor can, with the help of a defibrillator, correct cardiac arrhythmia. Moreover, some forms of disruption can be anticipated and thereby prevented. For example, roadblocks and no-go zones around the seat of government help keep disruptive demonstrators away from the centres of power. Other forms of disruption can be similarly neutralised.
The hammering of a pneumatic drill can disrupt someone trying to solve an arithmetical problem. Similarly, if a sensor’s reliability is reduced by extreme temperatures or vibrations, this can disrupt the algorithm used by an autopilot to calculate an aircraft’s flight path. But like a person with robust powers of concentration, an algorithm can also be robust in the face of disruptions and neutralise them as they occur.2 This quality of robustness, by the way, is also a key characteristic of someone who possesses knowledge about a specific topic. Such a person does not allow herself to be confused by circumstances that do not in any way alter the truth of her opinion of the matter in hand. Knowledge is a disruption-proof state of conviction[LW4] about what is true, what should be done, or even what has to be done.
Whenever we register a disruption, we experience this as a deviation from our expectations. We often experience this deviation as a moment of uncertainty or as a shock to our expectations. Does this mean that disruptions are always a bad thing? Not necessarily. Fine art not only depicts religious scenes and courtly mises en scène[S5] of historical events and personages. On occasion, it also aims to artfully disrupt the stereotypes that guide our perception of the world and that ground our expectations of what our senses will reveal[LW6] . When this is sufficiently subtle, it makes us aware of those stereotypes and suggests other ways of looking at things. Disruptions can also challenge the accepted functions and norms that underpin our expectations.
This is what those demonstrators do who practice civil disobedience by standing in the street and defying a ban on demonstrations without resorting to violence. They frustrate the expectations of motorists that they will be able to drive quickly through the city at this time of day. And they shake the expectations of the authorities that citizens should behave in a certain way and remain silent. The demonstrators challenge, in a restricted sense, the normative requirement that people should always obey the law. And they do so, whether justifiably or not, in the name of weightier norms of a community based on the rule of law, such as a fairer distribution of jointly generated wealth. As the Irish poet Oliver Goldsmith once protested: ‘Ill fares the land, to hastening ills a prey/Where wealth accumulates, and men decay.’
Disruptions should be judged according to whether, and to what extent, the expectations they frustrate are themselves justified. This in turn depends on what one thinks of the functions and norms upon which these expectations rest. Cardiac arrhythmia is an evil, since nobody can really want their heart not to function in the way it is expected to. Certainly, an evil can be tolerated, but this does not make it any less of an evil. A disruption to traffic by demonstrators may seem a trifle, by comparison. Yet disobedience to the law in a democratic state subject to the rule of law is no such thing. In this case, a disruption is judged according to whether this act of civil disobedience is making a crucial contribution towards what is good for [LW7] . On the other hand, there seems little doubt about how to judge a disruption to an ecosystem. Who argues against environmental concerns these days? And nobody is really against biodiversity – so long as this opposition remains purely rhetorical. But this does not rule out a dispute as to the judgement itself – for example, whether the impact on biodiversity resulting from a disruption to an ecosystem is judged to be bad because it frustrates the fulfilment of a function of that diversity, namely, to benefit us humans; or whether it is judged to be bad because biodiversity itself has an intrinsic value.
Yet the fact that there can be a dispute over how we judge a disruption does not mean that there is no such thing as objective, correct judgement. The existence of a disruption – either in the shape of the opposition and indignation of others, or in the shape of resistance on the part of nature – tells us something important: that, on the one hand, we have expectations about what is, or should be, the case; and that, on the other, there is objectively that which is, or should be, the case. When our expectations are shaken, this teaches us, sometimes painfully, to be mindful of this difference. Knowledge of this difference is what prompts us to experiment in the empirical sciences and to discuss with others in a democratic society. We subject our own expectations to the test of a reality that may then disrupt them.
Dogmatic people don’t do this. They tend to neutralise disruptions to the point of denying reality. Those who rightly claim a knowledge of the world of experience behave differently. Instead of merely regarding disruption as a negligible irritant, they made an error with respect to reality. For[LW8] what disruption reveals is a reality, be it natural or social, that is beyond our reach. Those who believe they can completely eliminate disruption also believe they can mould reality like putty in their hands. This belief is not disruptive; rather, it is destructive.”
[1] Erschienen in ETH-Globe/ März 1/2021 im Rahmen eines Heftes mit dem Schwerpunktthema „Störungen“.
[2] Dank an Dr. Jérôme Léchot für Hinweise auf Details.
[3] Ich danke meinem Studenten Jonas Derissen für den Hinweis auf dieses Beispiel.
[4] Oliver Goldsmith, The Deserted Village (1770), zitiert nach: Werner von Koppenfels, Manfred Pfister (Hrsg.), Englische Dichtung und amerikanische Dichtung. Bd. 2: Von Dryden bis Tennyson, München: Beck 2000, S. 122. „Weh, weh dem Land, das sich zum Unglück neigt/Wo Menschen sinken und wo Reichtum steigt!“ (In der Übersetzung von Johann Gottfried Seume, ebd. S. 123.) Matthias Fienbork übersetzt: „Schlecht geht es dem Land, von drängenden Übeln erbeutet/Wo Reichtum sich häuft und Menschen zugrunde gehen.“ (Als Motto zitiert in: Tony Judt, Dem Land geht es schlecht, München: Hanser 2010.)
[LW1]* Is disruption the right expression for „Störung“. What about disturbance?
[LW2]The German version reads as follows:
„Meistens sind sie lästig, oft ärgerlich, manchmal verstörend. Auch geben sie mitunter zu denken oder wachsen sich aus: Störungen.“
The English version is correct, indeed. But it seems to be clumsy, isn‘ it?
[LW3]The German version has it as follows: „Störungen unterscheiden sich von Zerstörungen dadurch, dass sie behoben werden können. Nicht nur bei der SBB.“ Is „Not only by a rail operator“ the right way to express that what is said in the first sentence is not only true of disrupted rail services?
[LW4]*** German version: „Wissen ist ein störungsfestes Überzeugtsein (2) von dem, was wahr ist, oder von dem, was getan werden sollte oder gar getan werden muss.“
a) Is disruption-proof state of conviction/belief“ correct. This is crucial.
b) It seems to me that the second part (= 2) of the translated sentence would not secure the needed philosophical accuracy.
What about:
„state of believing/of being convinced of what is true, of what should be done or even of what has morally to be done“?
[S5]@Redaktion: not hyphenated in this usage; see Oxford Style Manual.
[LW6]***These two sentences are translations of the following German sentence: „Die bildende Kunst jenseits des religiösen Kults und höfischer Inszenierungen von Historien und Autoritäten zielt ja mitunter kunstvoll auf die Störung von Stereotypen, die unsere Wahrnehmung der Welt leiten und die unsere Erwartungen begründen, was sich den Sinnen zeigen wird.“
The thought is about fine art which neither serves (religious) warship (cf. Hans Beltings famous book „Bild und Kult“) nor courtly mises en scenes….
The thought is not necessarily about modern fine art, because it is also true of e.g. the paintings of Hironymos Bosch, or Francesco Goya. So the sentence „Fine art not only depicts …“ is simply wrong.
What about the following way out?
„Take fine art. If it is not devoted to religious warship or courtly mises en scène.., it occasionally aims to artfully disrupt the stereotypes…“
[LW7]good for all citizens taken together
[LW8]do take into account that they might have made an error with respect to reality“