Eine Bemerkung zur Politik der Sprachverwendung

Lutz Wingert
Eine Bemerkung zur Politik der Sprachverwendung

Substantivierte Partizip Präsenzkonstruktionen lehne ich ab. Denn Forscher forschen ja nicht permanent, ebenso wenig wie Zeitungsleser der Dame gleichen, die im Café aufmerksam die Zeitung liest, also eine die Zeitung Lesende ist. Zeitungsleser und Forscherinnen schlafen auch, fahren mit dem Fahrrad; sie kochen oder waschen sich, aber sie sind deshalb keine Schlafenden, Fahrenden, Kochenden oder Waschenden, es sei denn, sie machen das eben gerade. Und ebenso sind sie auch keine Forschenden. Von meinen Studenten spreche ich nie als Studierende, denn sie sind nicht immer am Studieren, es sei denn man sieht den Fall des Schlafenden als Standardfall für die Partizip Präsenzkonstruktion an. Aber dann müsste der Student sich von dem Studierenden so unterscheiden wie der Schläfer vom Schlafenden, was er nicht tut.

Auch hole ich nicht tief Luft, um den Diener vor der Sprachpolizei zu machen. Denn es handelt sich dabei um die Einübung in das repressive Ritual mit einer permanenten, meist geschlechtlichen Markierung. Die ritualisierte Markierung geht Hand in Hand mit einer Typisierung, die als demonstrativer Schematismus aus den Individuen Elemente einer sozialen Serie macht. Ein anderer Mensch wird in dieser Serie nur noch als Repräsentant einer Menge mit gleichartigen Elementen wahrgenommen, behandelt und angesprochen. Ein solcher Schematismus überdeckt, dass das Individuum in seiner existenziellen Unvertretbarkeit stets die kleinste Minderheit ist. Deshalb geht das normierte Sprechen von Typus zu Typus oft mit Verachtung des Gegenübers und mit einer Doppelmoral einher. Das lehren zum Beispiel der Katholizismus oder die Prüfungen in Marxismus-Leninismus und im „Denken Xi Jinpengs“ vor der Parteikommission der KP Chinas. Man nimmt seinen Gegenüber nicht schon Ernst, wenn man ritualisiert spricht. Denn die Kommunikation verharrt dann in einem Austausch von „Sprechtexten“ zwischen erstarrten Figuren, „deren Sätze schon durch zu lange Vorausberechnung wertlos“[1] werden.

Ich wechsele mit Bedacht zwischen dem generischen Femininum und dem generischen Maskulinum, sage oder schreibe „Kollegen“ und meine damit auch Kolleginnen oder sage und schreibe „Wissenschaftlerinnen“ und meine auch Wissenschaftler.

Ich praktiziere diesen Sprachgebrauch nicht, wenn von historischen Zeiten die Rede ist, in denen wie im Athen des Peloponnesischen Krieges (431 – 404 v.Chr./v.u.Z.) es so etwas wie Politikerinnen erkennbar nicht gab.[2] In Zeiten, in denen Frauen nicht studieren durften, von Studentinnen zu sprechen, ist ebenso Unsinn, wie es gegenwärtig (2021 f.) unsinnig ist, „Päpstin“ zu sagen und auch den Papst zu meinen.
(Der Unsinn, in Großbritannien oder Deutschland lebende Polen als „People of Colour“ (PoC) zu bezeichnen, ist eine andere Art von Unsinn.)

Manchmal wechsele ich von „er“ zu „sie“ mit gleicher Absicht wie im Fall eines Wechsels des Genus, wenn der Wechsel nicht missverständlich ist (weil „sie“ auch den Plural ausdrücken kann). Auch halte ich es für sinnvoll, bisweilen bei positiv konnotierten deskriptive Kennzeichnungen wie „Helferin, „Rettungssanitäterin“, „Spitzenforscherin“, „Mathematikerin“ das generische Femininum zu gebrauchen. So versuche ich, nötigen Sensibilitäten in der Sprachverwendung einen sinnvollen grammatikalischen Ausdruck zu geben.

Personen, die sich als geschlechtsübergreifend auffassen, werden von mir nicht eigens markiert. Denn sie sind ja beides, sei es beides subjektiv, sei es das eine subjektiv, das andere objektiv; sie müssen sich also nicht nur mitgemeint denken, sondern sind direkt angesprochen. Wer sich hingegen als geschlechtslos empfindet, braucht sich bei „Student“ ebenso wenig etwas Geschlechtliches zu denken wie bei der Mutter, nach der die Mechanikerin fragt, die eine Schraube fixieren will und eine Radmutter braucht.

[1] Wolfgang Hilbig, Der Heizer (1980), in: W. Hilbig, Werke. Bd. 2. Erzählungen und Kurzprosa, Frankfurt am Main: Fischer 2009, S. 128.

[2] Vgl. aber die 65 Namensnennungen von und Kurzbiographien zu Philosophinnen in der europäischen Antike, die der französische Philologe, Jurist und Geistliche Gilles Ménage (1613-1692) erstellte: Gilles Ménage, Geschichte der Philosophinnen. Lateinisch -Deutsch. Hrsg. von Christian Kaiser, Hamburg: Meiner 2019.